Ein Bogen der Geborgenheit

Stein der Erinnerung eingeweiht auf dem Gemeindefriedhof

 Rede des Bürgermeisters Dr. Peter Kern

Gedenkstein auf dem GemeindefriedhofLiebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Frau Heiner und lieber Herr Pfarrer Grimm, verehrte Frau Beigeordnete und Damen und Herren des Gemeinderates, verehrte Angehörige aus Limburgerhof und auch aus der Ferne Angereiste!

Vor drei Jahren gedachte man überall des Kriegsendes vor 70 Jahren, 1945. Das war für mich Anlass, die Gemeinde zu einem kleinen Gedenken einzuladen. Ich wählte dafür den 22. März. Denn am 22. März 1945 war die letzte Kriegshandlung in Limburgerhof. Aber sie war sehr bitter. Denn 8 Menschen mussten ihr Leben lassen, als sie auf dem Großwiesenweg nach Neuhofen flüchten wollten. Darunter zwei Mütter, Großmutter und drei Kinder der Familien Rahnke und Hofmann, dort am Ende der Speyerer Straße der Rehhütte zu. Hannelore Rahnke mit 8 Jahren war die Jüngste unter ihnen. Nur noch der Leiterwagen stand auf dem Weg.

Eine kleine Zahl von Bürgern war am 22. März vor drei Jahren zu der Feier gekommen. Schnell wurde dabei deutlich, dass die Kreuze, die hier stehen, lediglich die Namen derer tragen, die hier in Limburgerhof, in der Heimat, umgekommen sind. Eine sichtbare Erinnerung jedoch an die vielen in der Ferne „Gefallenen“ und Vermissten gab es nicht, so wie es sonst überall der Fall ist. Angehörige äußerten mir gegenüber, dass dies so sehr ihr Wunsch sei! Ich machte mich daran, in halbjährlicher Abend- und Nachtarbeit Namen nachzuverfolgen und kommunizierte es in die Politik und die Bevölkerung. In den Haushaltsberatungen 2016 fand dies keine Zustimmung. Ich ließ nicht locker und erhielt schließlich für 2018 eine einstimmige Bejahung dieses Vorhabens.

Die Ausschreibung ergab zwei gelungene Entwürfe. Der entsprechende Ausschuss entschied sich für den Gestaltungsentwurf des Steinmetzes Bartholomä aus Schifferstadt. Und ich darf es so sagen: Das fachliche und menschliche Engagement dieser Firma, die mich bei der Weiterentwicklung der Gestaltung eng miteinbezog, hat mich beeindruckt. Die ganze Familie mit den drei Enkeln war da, als der Stein am Donnerstag aufgestellt wurde.

Der Stein, so sagen viele, ist so schön geworden. Es ist Sandstein von der Haardt, aus Haardt. Er leuchtet, erst recht wenn die Sonne darauf scheint.

240 Namen stehen auf diesem Stein. Die meisten starben 1944 und 1945. In Limburgerhof gab es damals knapp über 3000 Einwohner. Das Alter der Kriegstoten an der Front war im Durchschnitt 21 Jahre. Die meisten waren aus der „Kolonie“. Dort war fast jedes 2. Haus betroffen. Die Jüngsten waren 17 Jahre alt und wurden auch noch 1945 eingezogen, „gefallen“ oder vermisst in der Ferne, in Frankreich oder Russland, in Griechenland, Nordafrika, Lettland, England, Italien, womit noch längst nicht alle Länder genannt sind. Noch bis 1966 gingen die Benachrichtigungen ein über die Vermissten und den Ort, wo sie ihren Tod gefunden hatten. Es waren Ehemänner, Väter, Brüder, Söhne. Können wir es uns vorstellen? In den Familien: Wieviel Bangen gab es, wieviel Warten auf Nachricht, wieviel Hoffen. Aufwachsen ohne Vater, ohne Opa. Zerrissenes Glück! Ende von erhofftem Leben! „Ich war 10 Jahre alt, als ich meinen Vater verlor“, sagte Ortwin Rohe. Ein anderer Bürger holte das Konfirmationsbild seines Jahrgangs 1934 hervor: „Wir waren 15 Buben. Davon sind 11 gefallen!“

Ich habe für diesen Stein den Namen „Stein der Erinnerung“ gefunden. Ganz schlicht: „Stein der Erinnerung“. Ganz besonders für die, deren Namen auf diesem Stein stehen. Denn sie sollen nicht vergessen werden, sie dürfen nicht vergessen werden! Und für die, denen sie auch heute noch nah sind. Sich erinnernd an gemeinsames Glück, Eheglück, Familienglück, Vaterglück, Oma- und Opaglück. Aber auch rührend an den Schmerz, der immer noch unverheilt ist.

Der Stein mit den vielen Namen, wie er so hell leuchtet und strahlt: Er möge uns ein Stück ihrer Jugendlichkeit, ihrer Freude, ihres Glücks, der Schönheit von Leben, ihrer Kraft, die sie hatten, ihrer Zukunft, die sie doch eigentlich vor sich hatten, ihrer Sehnsucht nach Lebendürfen schenken.

Die Namen darauf, sie erzählen aber auch von der Gewalt, die ihnen angetan wurde. Von der Unbarmherzigkeit des Krieges. Von seiner Unsinnigkeit, von der Rechtlosigkeit, der Verblendung, die immer und immer wieder die Herzen ergreifen, und am Ende Menschlichkeit und Menschenleben auszulöschen. Wofür das alles?

Der „Stein der Erinnerung“ steht aber nicht allein da. Vor ihm kniet eine Mutter. Mütter im Krieg: Wie stark mussten sie sein! Diese Frauengestalt erinnert mich sehr an Rahel im Alten Testament. Sie hatte zwei Söhne geboren, Jakob und Benjamin. Sie starb bei der Geburt ihres Benjamin, dem Jüngstgeborenen. Sie steht für alle Mütter damals - und gewiss auch heute. Sie steht für alle Mütter, die das Liebste, was sie in ihrem Mutterglück und in Schmerzen geboren hatten, hergeben mussten. Von ihr heißt es: „Rahel weint um ihre Kinder und lässt sich nicht trösten, denn ihre Kinder sind nicht mehr.“ Und später: „Wehe denen, die im Wissen um Gott Unschuldiges zertreten!“ Es ist doch Mutterleid - und Mutterleid ist heilig!

Es übersteigt unser Denken und unser Vorstellungsvermögen, und wir stoßen an Grenzen unseres Verstehens! Es ist eigentlich ein Schrei: ein Schrei des Bittens um Erbarmen, dass man Leben nicht antaste, nicht die Würde, nicht das Glück! Mutterglück und Mutterleid, ach, es ist überall auf der Welt gleich. Daher bin ich so dankbar, dass Sie, Herr Schäfer, diese Mutter so ausdrucksstark, aber auch so schlicht aus dem gleichen hellen Sandstein gehauen haben. Wer vor ihr, dieser knienden Mutter und diesem „Stein der Erinnerung“ steht, wird in Gedanken kommen über so Vieles, über das Leben insgesamt und auch den Sinn eines Lebens. Manche werden erzählen können von denen damals, in vielen Details sogar, und Momente ihres Lebens und ihrer Zeit wieder aufleben lassen. Einige, auch der heute zu unserer Feier Gekommenen, haben ihren Vater nie kennengelernt. Sie waren noch zu klein. Und jetzt stehen sie vor seinem Name. Es ist wie eine Begegnung mit ihm selbst…

Wer hier vorübergeht, wird nachdenken über das Vergangene, über das Heute, und auch über das Zukünftige, das aus dem Heute hervorgehen wird. Und wer die Vergangenen achtet, wird auch die Heutigen und deren Zukunft achten und ehren. Er wird sensibel werden, für gewalttätiges Denken, Reden und Handeln, dem das Leben der einzelnen Menschen nicht viel wert ist. Er wird auch mitleiden und mittrauern um alles dahingegebene Leben, bei uns und überall auf der Welt. Und deswegen darum ringen, dass Menschenleben geachtet und geschützt wird.

Die Rundung dieses Steines, dieser Bogen, ist wie die Bewegung eines schützenden Umfassens all dieser Namen mit wohlwollend berührenden Händen in eine heilende Geborgenheit.

Möge der Stein eine Heimat in den Herzen der Limburgerhofer finden: der „alten“, aber auch der „neuen“. Vergangenheit und Zukunft, Glück und Trauer, Trost und die Sehnsucht aller Menschen nach einem Leben, das gütiger und friedlicher wäre: Sie brauchen die Gemeinsamkeit, das Miteinander eines Wohlwollens, das aus der Kraft geschenkten Lebens kommt!