Meisterschaft als Quantensprung
50 Jahre Deutscher Volleyballmeister Limburgerhof – dieses Jubiläum wurde im November 2008 mit einem kleinen Festakt gefeiert. Bürgermeister Dr. Peter Kern blickte in seinem Grußwort nicht nur auf die sportlichen Erfolge zurück, sondern ließ auch nochmals das Leben in Limburgerhof zu dieser Zeit Revue passieren. Auszüge aus seiner Rede:
50 Jahre liegt alles zurück. Aber in den Köpfen ist es noch so sehr präsent, als wäre es gestern gewesen. (...) Ja, was damals geschah, ist der Erinnerung wert. Dass sich so viele auf den Weg gemacht haben nach Limburgerhof, das verdient allen Dank. Dabei mussten einige quer durch Deutschland reisen und so darf ich Sie herzlich begrüßen als Bürgermeister, der damals ebenfalls Zeitzeuge war und den die Faszination „Volleyball“ nie losgelassen hat. (...) Damals im Jahre 1958 war Limburgerhof etwa halb so groß wie heute. Es hatte 6 000 Einwohner. Ein Jahr zuvor war das Jugenddorf eingeweiht worden. Limburgerhof war ein beschaulicher Ort mit einer Werksiedlung der BASF und einer Versuchstation, die von dem Nobelpreisträger Carl Bosch gegründet worden war. Das Jugenddorf sollte bald 600 Lehrlinge aus strukturschwachen Gebieten für die BASF ausbilden. In Limburgerhof nahm man so viele Jugendliche mit gemischten Gefühlen auf. Eigens sollte präventiv die Gendarmeriestation personell erweitert werden. Der damalige Bürgermeister Dr. Scherer und der so aufrechte Jugenddorfleiter Pastor Rüpprich hatten viel Überzeugungsarbeit zu leisten. 1958 weihte man die Turnhalle der Carl-Bosch-Schule ein, besonders gedacht für den Schulsport, nicht für Großveranstaltungen. Da schlug es plötzlich ein aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung! Limburgerhof war Deutscher Meister im Volleyball geworden! Bei der Ankunft aus Castrop-Rauxel gab es für die Meistermannschaft einen kleinen Festzug zum Vereinshaus und dort einen Empfang. Der örtliche Frisör versprach allen Spielern einen kostenlosen Haarschnitt. Vom großen Sponsoring träumte man damals noch nicht. Noch hatte die Bevölkerung Limburgerhofs nicht die gesamte Bedeutung dieses Ereignisses verstanden. Ein Jahr später fand die Deutsche Volleyball-Meisterschaft in Limburgerhof statt. Ich erinnere mich noch genau. Die Carl-Bosch-Turnhalle, lediglich mit einem schmalen Randstreifen von 1,50 m, war voll von Zuschauern. Es schien, als hätte sich ganz Limburgerhof hier versammelt. Es war eine Dramatik ohne Ende. Ich höre heute noch die Anfeuerungsrufe: „1 – 2 – wumm!“ Ich sehe es noch vor mir, als sei es heute: wie Gerhard Hommel waagrecht in der Luft liegt und durch einen Hechtbagger einen Ball rettet, der normalerweise nicht mehr zu retten war, wie Reinhard Blechschmidt mit seinem unnachahmlichen harten Aufschlag, einem Rundschlag, die Wende des Satzes einleitet, wie Helmwart Dubiel mit kühler spielerischer Berechnung den Ball unhaltbar über den Block lobbt, wie Karl Herzog hochsteigt und einen Schmetterball durchdrischt, dass drüben kein Kraut mehr wuchs, wie Fritz Buch mit seinem ausgeklügelten Spielwitz einen Schlag antäuscht, aber statt dessen in schnellem Spiel einen Gegner anpritscht, dorthin, wo dieser so schnell nicht seine Hände hinbekam, wie Banny Klinger in einer höchst hektischen Phase des Spieles erst einmal Ruhe hereinbringt, den Ball annimmt und statt – wie vom Gegner erwartet – als ersten Pass zu stellen, ihn millimetergenau in die hinterste Ecke schmettert – für den Gegner unhaltbar! Ich erinnere mich noch, wie Willi Ferrier haushoch mir gegenüber über dem Netz stand und einen Schlag losließ, dass es mir den Daumen nach hinten bog – aber das war bei einem anderen Spiel und einige Zeit später. . Wir Zuschauer erlebten diese Deutsche Meisterschaft, diese Dramatik hautnah. Es war gelegentlich Werner Lohr, der auch mal gezielt in die Zuschauermenge hechtete, um sie noch mehr am Spiel teilnehmen zu lassen. So war es! Für manche von uns jüngeren Limburgerhofern waren diese Nationalspieler Helden. Wir haben sie vergöttert wie Stars! Die Bedeutung dieser Meisterschaft für die Gemeinde Limburgerhof hat mancher vielleicht erst später begriffen. Für die Idee des Jugenddorfes in Limburgerhof war diese miterlebte Deutsche Volleyball-Meisterschaft ein Quantensprung! Dazu also war das Jugenddorf fähig! Limburgerhof stand plötzlich im bundesweiten sportlichen Rampenlicht. Für das Miteinander zwischen den Jugenddörflern und den alteingesessenen Limburgerhofern war dies ein Schub des gegenseitigen Schätzenlernens! Ein Grund mehr für viele Limburgerhofer Mädchen, diese Jugenddörfler in Limburgerhof zu halten – manche ein Leben lang! Sie wissen: Das war damals die Zeit des Wirtschaftwunders. Zugleich aber auch die Zeit des kalten Krieges. Es waren zwiespältige Zeiten, die bald zum Mauerbau 1961 führten. Es gab den unbändigen Willen, nach den Nachkriegsjahren endlich zu Normalität und Aufschwung zu kommen. Da bedeutete die Deutsche Meisterschaft ein großes Stück Neuorientierung für Limburgerhof. Aufbruchstimmung! Mühe lohnt sich! Leistung bewährt sich! (...) Manche – wie auch ich selbst – waren begeistert und richtiggehend entflammt von diesem Spiel und diesen Spielern mit ihrem Trainer Werner Lohr. Und so durfte ich – wie manche auch, die heute Abend hier sind – in den Nachfolge-Teams mitspielen. Unser sehnlichster Wunsch war es, irgendwann einmal auch im Kreis der Mannschaft zu stehen und auf den Ruf „Wir begrüßen unseren Gegner und den Schiedsrichter“ ein dreifaches „ Hey-hey-hey!“ zu schmettern. Dies war mir später mit Werner Lohr möglich, den ich auch heute – wie sicherlich viele hier im Saal – noch sehr verehre und ihm vieles zu verdanken habe! Die Deutsche Volleyball-Meisterschaft in Limburgerhof hatte ihre große Ausstrahlung. Es entstanden neue Mannschaften im Umkreis. Die Limburgerhofer Spieler damals trugen ihr Können und ihre Erfahrung weiter: nach Aachen, nach Bonn, nach Münster, nach Weinheim, Heidelberg, Wiesloch, Hettenleidelheim und Ludwigshafen. Fritz Buch war maßgeblich am Aufbau und an der Fortentwicklung in der Pfalz beteiligt. Volleyball war – da bin ich überzeugt – für viele von uns für unser Leben prägend. (...)
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