Laudatio für Gerhard Hauck
aus Anlass der Vernissage zu seiner Ausstellung „RÜCKBLICK“ am 9.9.2009 von Dr. Peter Kern im Foyer des Rathauses Limburgerhof
Liebes Ehepaar Hauck, meine sehr geehrten Damen und Herren!
Viele, viele Gäste sind heute Abend gekommen, Freunde, Nachbarn und Weggefährten. Sie alle bringen damit Ihre Verbundenheit mit Gerhard Hauck und Ihre Wertschätzung zum Ausdruck. Wenn Gerhard Hauck seine Ausstellung mit „Rückblick“ überschreibt, dann hat das einen tieferen Sinn. Denn rückblickend begegnet Gerhard Hauck gern der Zukunft.
Unser Foyer hat viele Ausstellungen und Vernissagen erlebt. Heute Abend - so glaube ich - ist das etwas ganz, ganz besonderes! Er, der Bürger Limburgerhofs seit mehr als sieben Jahrzehnten, hat sich ganz besonders um Limburgerhof verdient gemacht. Damit meine ich ihn dreifach: als Grafiker, als Literat und als Mensch. Wer sich mit ihm näher befasst, dem öffnet sich gleichsam eine Schatztruhe. Viele von uns sind seine Weggefährten, manche seit Jahrzehnten.
Geboren ist Gerhard Hauck in Böhl. Er schreibt selbst darüber: “Ich bin in einem alten, behäbigen Bauernhaus geboren worden, in das alte Geschichten wie Efeu hineinwuchsen.“ Als Bub findet er auf dem Speicher alte Bücher, Zeitschriften, Kalender, Urkunden und kalligraphische Kunstwerke. Er erzählt weiter: „Die Illustrationen in den Büchern verzauberten mich in eine andere Welt, zu Abenteuern und in die Vergangenheit, und weckten in mir den Wunsch, auch so etwas zu können, wie es die alten Lithographien zeigten, - und ich fing wie besessen an zu zeichnen!“ Bald will jeder etwas von ihm gemalt haben: der Hausarzt, die Schulkameraden und der Schulrat, dem er in geschwinden Strichen die Weihnachtsgeschichte an die Tafel zeichnet, so wie er sie sich damals als Kind vorstellte. Einmal verziert er die frisch gekalkte Hauswand seiner Großtante mit einem „Monumentalgemälde“ und erntet dafür eine Ohrfeige.
Schon damals zeigt sich sein großes Talent fürs Erzählen. Erzählen meint bei Gerhard Hauck immer beides: Zeichnen und Schreiben. Wenn er zeichnet, so sagt er, dann erzählt er eigentlich. Vielleicht hat er die Begabung fürs Erzählen von seiner Mutter: „Mutter verzehl´ mer´s, wie´s friher war!“ bittet er. Von ihr hört er vor allem die vielen Balladen, die er noch heute Vers für Vers auswendig kennt.
Als er 10 Jahre alt ist, zieht seine Familie nach Limburgerhof. Der Krieg und die 3-jährige englische Gefangenschaft bis 1947 unterbrechen bitter die Zeit der Geborgenheit daheim. Ein 4-jähriges Studium an der Akademie für Bildende Künste in Karlsruhe schließt sich an.
„Mein liebstes Motiv sind die Menschen!“ bekennt er und fasst damit die sicherlich mehrere tausend Lithographien zusammen, die durch seine Hand entstanden sind. Die Menschen – er zeichnet sie in ihrem Alltag, in den Grundsituationen des Lebens. Da zeigt die Mutter der Tochter, wie man häkelt und gibt damit ihr Können weiter. Da sieht man den Schmied ein Hufeisen schmieden. Da lernt ein kleiner Junge das Radfahren. Da sitzen die Alten beim Schoppen zusammen in den „Dreizehnlinden“ und gestikulieren und politisieren. Er zeichnet den Alltag, die Nöte, das deftige Leben, wie es die einen aufrichtet, die anderen niederbückt. Lebensfreude, Wut, Neugier in den Gesichtern der Kleinen. Er zeichnet oft in wenigen Strichen, nach gründlicher Vorarbeit, jedoch detailgenau. Geht es ihm doch darum, das Leben nicht etwa fotographisch abzubilden, sondern die Wahrheit des Lebens in all seinen Facetten hervorzuholen: die Sorge im Gesicht der Mutter, das lebensfrohe Aufgehen der Kinder im Spiel auf der Straße, zum Beispiel beim Spiel „Himmel und Hölle“. Die Seele gleichsam hinter den Fassaden der Menschen entdecken; das was in Wahrheit ihr Lebenskern ist. Gerade das Kleine, das Unscheinbare, das leicht Übersehene zeichnet er so einfühlsam, liebevoll und feinsinnig, dass es unter seiner Hand eine besondere Würde erhält – und dadurch zu einer Kostbarkeit wird. Manchmal auch strotzen seine Bilder vor Spott, zum Beispiel als er „Des Kaisers neue Kleider“ illustriert.
Eigentlich sind alle seine Grafiken „Lebensbilder“. Sie wollen immer auch eine Lebens-geschichte erzählen. „Erinnerungen sind Bilder“, sagt Gerhard Hauck. Auch seine stimmungsvollen Grafiken, behutsam aquarelliert, mit Motiven von seinen Auslandsreisen: am Meer, auf dem Balkan, italienische Dorfansichten. Sie wollen als Ausdruck seiner jeweils eigenen Stimmung damals zwischen Freude und Melancholie verstanden werden und sind Teil seiner Lebensgeschichte.
Wenn er seine Vorbilder aufzählt, dann erkennt man daran sein eigenes Denken: Delacroix zum Beispiel mit seinem berühmten Bild „Die Freiheit führt das Volk auf die Barrikaden“, oder Goya mit seinem Zyklus „Die Schrecken des Krieges“, oder Jean-Francois Millet mit seinem Bild „Les glaneuses“, die Ährenleserinnen. Will heißen: Gerhard Hauck ist den – meist einfachen - Menschen mit ihrem schönen aber auch schweren Leben zugewandt!
In der BASF illustriert er über drei Jahrzehnte lang die Werkszeitungen wie zum Beispiel „Jugend und Werk“. Seine Veranstaltungsplakate, Gebrauchsgrafik, wie er sagt, sind in ihrem Einfallsreichtum, aber auch in ihrer modernen Eleganz unübertroffen. So lassen die von ihm gezeichneten Dirigentenhände auf dem Plakat gleichsam die Akkorde derart glanzvoll aufklingen, dass schon deswegen das Konzert im Feierabendhaus restlos ausverkauft war.
Dann gibt es da seine wunderschönen Kinoplakate in der Nachkriegszeit wie zum Beispiel für „Film ohne Titel“ mit Hildegard Knef und Hans Söhnker. Darüber hinaus hat Gerhard Hauck zahllose Bücher für verschiedene Verlage illustriert. Vor allem seine Illustrationen der Fibeln, Schullesebücher, Kinderbücher und Bilderbibeln, teilweise in englischer und russischer Sprache, sind Kleinode für Kinderaugen und voller herzlicher Hingabe. Dann die „Jugend am Rhein“ für die pfälzischen Volksschulen: Erinnern Sie sich noch? Wir Kinder konnten es in der Schule im Schlössel kaum abwarten, bis wir wieder die neue Nummer der „Jugend am Rhein“ mit ihren wunderbaren Zeichnungen in Händen hielten – von Gerhard Hauck, wie ich heute weiß.
„Lebensbilder“ sind auch seine Geschichten. Allesamt Texte, die vom Leben, so wie es ist, erzählen. Die Geschichten seiner Kindheit: eingekleidet oft in viel Humor, ja Schalk, mit mancher Lausbüberei. Immer mit einer Pointe, die zuletzt einen tiefen Sinn hat, und dennoch formuliert in unkomplizierter, aber ausdrucksstarker Sprache. Manchmal sind die Kernsätze echt pfälzisch, weil es anders gar nicht auszudrücken ist. Manchen Zeitgenosssen hält er einen Spiegel vor, versöhnlich, aber doch die Wahrheit zeigend, besonders wenn es um solche geht, die sich allzu wichtig nehmen.
Übers Rauchenlernen schreibt er: …Weltmännisch hielten wir die „Salem“, „Eckstein“ oder „R6“ zwischen den Fingern. Nur mit dem Rauchen stellte ich mich ein wenig dumm an. „Du muscht ziehe – net blose – Afänger!“ Aber das Ziehen bekam mir gar nicht und zwischen Husten und Nebelschwaden sah ich nur verschwommen die Rauchkünste meiner Kumpane. Heinz konnte durch die Nase rauchen, Werner formte Kringel und Helmut spreizte elegant den kleinen Finger, wenn er die Asche abklopfte. Der Zigarettenspender konnte sogar durch die aufgerissenen Augen rauchen und während ich genau und nahe hinsah, verbrannte er mir zur allgemeinen Belustigung die Hand. Nur meine Zigarette wollte nicht kleiner werden. Heimlich biß ich ein Stückchen ab und warf es verstohlen unter mich. Aber meine Kumpane hatten das „Besenende“ gesehen und lachten mich erneut aus: „Der racht jo gar net, der frisst se jo!“
Über Lehrer Gutwein schreibt er: …Als wir etwas größer waren und voll Angst und Erwartungen seine Schüler werden sollten, sagte mein Freund Rudi: „Eener muß sich opfern un e Attentat uffen mache.“ Natürlich wollte ER nicht der Attentäter sein und ich auch nicht, aber den Nachruf hätte ich gerne formuliert: „Ein treues Lehrerherz und eine treue Lehrerhand haben zu schlagen aufgehört.“…
Seine Bücher „Ich bin ein Limburger“, „Geschichte und Geschichten hautnah“ und „Mer solls net glawe“ sind voller Lokalkolorit. Eine Fundgrube für manches, was es in Limburgerhof nicht mehr gibt: das Bergel im Park, das Bombenloch am Böhlgraben, der Bahnweiher, der Adler am Königsplatz, der alte Kerweplatz wo jetzt die Carl-Bosch-Schule ist, die Zuckerbix, der Konsum, der Gutshof und so weiter.
Wenn es eine Limburgerhofer Identität gibt, dann findet man sie in den Geschichten, die Gerhard Hauck geschrieben hat. Eigentlich müssten sie Pflichtlektüre für jeden Neu-zugezogenen sein. Sie erzählen nämlich von den Menschen unseres Ortes, dem Geworden-sein, und alledem, was zum Leben in seiner Schlichtheit gehört.
Es gibt wohl keinen Menschen, der die für unser doch recht junges Limburgerhof so wichtige „Tradition“ mit seinen Texten und Zeichnungen geschaffen hat. Seine Zeichnungen, der Turm im Park, das Schlösschen, das Mühlrad an der Rehhütte hängen in vielen Limburgerhofer Häusern. Und es ist ganz besonders seinen Zeichnungen zu verdanken, dass der Turm, das Schlösschen und das Mühlrad zu Wahrzeichen Limburgerhofs geworden sind.
So also hat Gerhard Hauck ein hohes Verdienst für unsere Heimatgemeinde Limburgerhof. Jeder, der ihm begegnet, dürfte bereichert weiterziehen. Bereichert von seiner Menschen-kenntnis, seiner Wahrheitssuche, seiner Bescheidenheit, seinem Humor, seinem spontanen Mutterwitz und - seinem feinfühligen Umgang mit den Mitmenschen. Seine Zeichnungen und literarischen Texte ermutigen, stecken mit Lebensfröhlichkeit an und stiften zum tieferen Nachdenken über das Leben an. In der Schnelllebigkeit unserer Welt regen seine Bilder dazu an, darüber nachzudenken, ob uns inzwischen nicht doch vieles verloren geht, was der Mensch zum Leben braucht. Die Suche nach der Geborgenheit, wie sie Gerhard Hauck für seine Kindheit in dem alten behäbigen Bauernhaus fand, steckt in ihm und vielleicht im Grunde in uns allen. Von Gerhard Hauck, seinem Hunger nach wahrem, echtem und unverstelltem Leben, kann man lernen. Erst recht in einer Zeit, wo sich das freie Denken häufig mit den Zwängen medial ferngesteuerter Wünsche verwechselt…
Gerhard, wir sind dankbar für das, was Du geschaffen hast und dankbar, dass es Dich gibt! Und stolz auf Dich, dass Du einer von uns Limburgern bist! So wie ich Dich kenne, wird noch mancher Bleistift zum Zeichnen und Schreiben dran glawe misse.
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