2016 Wo Leben Zukunft hat

Meine Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler!
Eine schwierige Zeit haben wir. Sie wühlt uns alle auf und führt zu vielen, oft emotionsgeladenen Gesprächen. Ein Freund, der vor kurzem aus beruflichen Gründen nach Köln umgezogen ist, schrieb mir dieser Tage:„Wie beschaulich ist doch Limburgerhof…!“ Ja, das kann man so sehen.
Aber zunächst ein paar Worte zur Entwicklung unserer Gemeinde im vergangenen und im kommenden Jahr. So konnten wir für 2016 erneut - wie seit vielen Jahren – einen ausgeglichenen Haushaltsplan vorlegen. Nicht dass wir zuviel hätten, es geht immer so auf. Sage und schreibe 14 Mio. Euro konnten wir in den letzten 5 Jahren in unsere Infrastruktur stecken, und gleichzeitig sogar 2 Millionen Schulden abbauen. Diese Investitionen betrafen schwerpunktmäßig vor allem die Kindertagesstätten, aber auch energetische Sanierungen der öffentlichen Gebäude, Straßenbeleuchtung, und auch die Sanierung von Straßen, einer Straße nach der anderen.
Die Kindergärten werden nunmehr von 500 Kindern besucht, mehr als je zuvor. Auch die Zahl der älteren Menschen ist stetig im Wachsen. Von den 80 - 89jährigen sind es 720. Von den 90 – 99jährigen 130 Bürger. So alt wie die Gemeinde, also 86 Jahre, sind 80 Bürger. Und wir hatten 3  100jährige im letzten Jahr. In diesem Jahr ebenfalls 3. Es muss an dem vielen Sauerstoff liegen, der vom Mutterstadter Wald herkommt. Für mich ist es oft unglaublich, wie fit die meisten sind und auch positiv gestimmt. Reiseziele wie Florida, Australien, Dubai sind nicht mehr unüblich.12 200 Einwohner haben wir jetzt, 120 mehr als letztes Jahr.
Interessant ist, wieviel „alte“ Limburgerhofer unter den rund 850 über 80jährigen sind: Es sind nur 40. Das hat mich doch überrascht. Wenn man das auch differenzierter betrachten müsste, so zeigt es doch deutlich, dass Limburgerhof in all den Jahrzehnten vor allem aus Neuzuzüglern entstanden ist, die aber inzwischen –so höre ich es immer wieder – längst hier verwurzelt sind.
Nicht nur viele Ältere beteiligen sich lebhaft am Gemeindeleben, sondern auch viele Jüngere, besonders auch junge Familien. Ob in den zahlreichen Fördervereinen, in der Nachbarschaftshilfe, in den Kirchen, in den Vereinen, im Arbeitskreis Asyl. Bei den Konzerten  unserer wirklich hervorragenden Kreismusikschule kann ich immer wieder eine große Zahl von Limburgerhofer Talenten bewundern. Dankbar bin ich auch, weil viele Bürger sich darum kümmern, dass der Ort bei verschiedenen Anlässen zu gemeinsamem Feiern zusammenkommen kann, wie z.B. beim Weihnachtsmarkt, beim Schwedenfeuer, beim Straßenfest. Oder dieser wunderbar bunte, lebensfrohe Sommertagszug, der in Limburgerhof eine jahrzehntelange Tradition hat, und der dieses Mal so lang war wie die ganze Brunckstraße. Ein Zug von Menschen durch die Gemeinde, der dem Leben zugewandt ist. Genau wie der Martinszug. Da tragen die Kinder ihre oft selbstgebastelten Lichter in die Dunkelheit, um dann spielerisch sehen zu können, wie der St. Martin seinen Mantel teilt – ein Urbild übrigens des sogenannten christlichen Abendlandes. In all diese Bräuche wachsen auch unsere Flüchlingsfamilien mit ihren Kindern ungezwungen hinein. Da kann man ihnen auch ganz gut erklären, warum wir hier in unserer Kultur zum Beispiel Weihnachtsfeiertage haben. Es ist darüber hinaus frappierend mitanzusehen, wie die Kleinsten in den Kindergärten sich völlig unbefangen gegenseitig „beschnuppern“. So auch bei unseren sogenannten „Schnullertagen“,  zu denen wir alle Familien mit ihren Neugeborenen – im letzten Jahr waren es 133 – einladen.
Wir alle, die Kleinen und die Großen, wir alle haben am Beginn eines neuen Jahres Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen. Oft so drängend manche, wenn es um die Gesundheitoder die persönliche Lage geht, oder um das Befinden derer, die uns ganz nah verbunden sind.
Ich möchte Ihnen vortragen, was die Schülerinnen und Schüler der 4. Klassen Limburgerhofsdazugeschrieben haben. Ihre Aufsätze sind oft verziert mit farbigen Schmuckrändern, mit Blumenund oft mit viel viel Sonne.
Madeleine schreibt: „Ich wünsche mir, dass ´Bibis Beauty Palace´ nach Limburgerhof kommt.“
Anne: „Ich wünsche mir, dass sich meine Oma von der Blasenentzündung erholt.“
Laurin: „Ich wünsche mir bessere Schiedsrichter beim Fußball.“
Paul: „dass es für die Domholzschule keine Hausaufgaben mehr gibt.“
Luca: „dass der Jonas mich nicht mehr anbrüllt.“
Alexandra: „Ich wünsche mir für die Domholzschule neue Toiletten und ein Sofa, und für mich selbst noch ein schönes Leben.“
Benjamin: „Ich wünsche mir, dass mehr an Gott geglaubt wird.“
Sie schauen aber auch hinaus auf die Welt. Flüchtlinge sind das Hauptthema.
Max: „Ich wünsche mir, dass alle Flüchtlinge Unterkunft haben. Und dass alle Anschläge aufhören! Kein Krieg!“
Hannah: „Vor allem muss endlich die Kinderarbeit aufhören! Und: Krieg ist schrecklich, weil so viele Menschen sterben müssen und Krieg zu nichts, außer Zerstörung führt.“
Lara: „Kein Hungerleid mehr!“
Finn: „Jeder Mensch sollte froh sein. Für ganz Deutschland. Keine Gewalt gegen  Flüchtlinge!“
Lisa: „…dass die Menschen sich ein wenig auch auf andere Menschen konzentrieren und nicht nur sich selbst sehen.“
Ronja: „…dass sich alle Flüchtlinge in Deutschland wohlfühlen und dass es keinen Streit mehr gibt.“
Luis: „…dass es in armen Ländern Betten für Kinder und Jugendliche gibt.“
Lena: „…dass wir in Deutschland mehr mit Flüchtlingen tun und lernen, in welcher Situation sie sich befinden.“
Frederik: „…dass der IS-Krieg aufhört, weil, wenn er aufhört, dann könnten sehr viele Menschen in ihr Land zurückkehren.“
Liesa: „Dass alle Familien wieder zusammenkommen.“
Leonie: „Ich wünsche mir, dass alle auf der Welt glücklich sind.“
Meine Damen und Herren! Das also wünschen sich die Schülerinnen und Schüler mit ihren etwa 10 Jahren! So betrachten sie die Welt. Das ist ihr Weltbild, unverdorben und unverstellt. Und so hoffen sie gewiß auf uns Erwachsene, dass wir ihnen eine solche Welt bereiten werden. Kinder, ja sie glauben daran, dass eine friedliche Welt doch möglich sein müsse.
Wir haben 17 Flüchtlingskinder in Limburgerhof. Ein Teil ist über das Meer gekommen. Ich vermag nicht zu formulieren, was in ihren Köpfen ist. Sie wissen nicht um die Gründe der Flucht. Sie haben keine Verantwortung dafür, was geschieht.
Als ich in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai unsere fast fertige Flüchtlingsunterkunft brennen sah, war mir zum Heulen zumute. Wir waren etwa die 10. Unterkunft in Deutschland. Inzwischen sind es mehr als 800 Anschläge…
Inzwischen ist auch ein verhängnisvoller Prozess in Gang gekommen, der in Sprache, Denken und Handeln alles Vorstellbare sprengt. Maß und Mitte scheinen verloren gegangen zu sein. Das vielleicht wichtigste Gut zwischen Menschen, das Vertrauen, geht immer mehr kaputt.
Bei alledem – ich komme noch einmal auf die Kinder zurück – frage ich: Was werden unsere Kinder lernen von dieser Welt, in der sie aufwachsen, in unserem Land, hier in Limburgerhof?
Längst weiß jeder, dass die globalisierte Welt, die ökonomisch rechtlich und politisch inzwischen grenzüberschreitend so eng verflochten ist, nur unter Einbeziehung aller Kontexte dem Ziel eines wirklichen Friedens näher kommen kann. Ja, es werden unvermeidlich Fragen angegangen werden müssen, wie diese Globalisierung Ungleichheiten befördert oder Ungleichheiten abbauen kann. Und wie auf jeder auf seine Weise daran beteiligt ist. Es könnte sein, dass die vielen Flüchtenden in unser Land erst vom Anfang künden, dessen, was vielleicht auch keine Zäune mehr werden aufhalten können.
Es ist nicht meines Amtes und liegt nicht in meiner Kompetenzund passt auch nicht in diese wenigen Minuten, in die Rolle der großen Politik zu schlüpfen. Doch eines kann ich sagen: Für Limburgerhof, unsere Gemeinde, bin ich guten Mutes und weiß das auch, dass wir sachlich miteinander diskutieren können. Denn wir können doch auch anknüpfen an den Erfahrungen vieler unserer Mitbürger, wie den Mennoniten auf dem Kohlhof oder der über hundert donauschwäbischen Familien in unserer Gemeinde und der vielen Flüchtlinge, die bei uns nach dem Krieg eine neue Heimat suchten. Sie künden von dem oft unmenschlichen bitteren Fortgedrängsein immer und immer wieder in der Geschichte dieser Welt. Durch die 100jährige Geschichte der Versuchsstation in unserer Gemeinde, die in manchen Jahren über 6000 Besucher aus aller Welt anlockte, und auch viele Neuzuzüge von Wissenschaftlern zum Beispiel zur Folge hatte, ist unsere Gemeinde besonders weltoffen geprägt. Ich denke in diesem Zusammenhang auch an die Jugenddörfler, die zu Hunderten aus den damals strukturschwachen Gegenden Bayerns nach Limburgerhof zur Ausbildung kamen. Das Leitbild des das Jugenddorfwerk leitenden Präsidenten Arnold Dannenmann lautete: “Keiner darf verloren gehen!“ Keiner darf verloren gehen! Welch ein Wort angesichts dessen, was in dieser Zeit noch immer auf dem Mittelmeer geschieht… Wenn wir im letzten Jahr unsere 40-jährige Partnerschaft mit Chenôve feierten, so spürten alle, wie groß das Geschenk ist, wenn aus Erbfeindschaft Friede geworden ist. Wenn wir in unseren fröhlichen aber auch ernsten Begegnungen lernten, uns durch alle Unterschiede hindurch gegenseitig als Menschen zu achten, sich gegenseitig zu sehen als Mutter,  als Vater, als Kind, dieim Tiefsten  den Traum einer Sehnsucht nach Frieden auf ihrem Antlitz tragen.
Ja, es wird in allen Bemühungen um die sogenannte Integration auch Enttäuschungen geben, sogar auch bittere Erfahrungen, und viel Kleinarbeit ist notwendig, wovon unsere Ehrenamtlichen vom Arbeitskreis manchmal auch stöhnend berichten. Aber es lohnt sich doch! Das Leben wird vorwärts gelebt, und manchmal erst rückwärts verstanden.
So bin ich bei allem unserem Anpacken der uns gestellten nicht leichten Aufgabe dankbar, dass es in unserer Gemeinde sichtlich einen humanen Grundzug gibt, eine Übereinkunft, den uns anvertrauten Menschen mit Achtung und Wertschätzung zu begegnen. Gegenseitige Annäherung braucht Klarheit, aber auch Geduld. Unser Umgang mit ihnen, unsere Haltung ist letztlich unseren Kindern Vorbild. Ist Erfüllung oder auch Enttäuschung ihrer Hoffnungen.
Der Schüler Nico schrieb: „Für 2016 wünsche ich mir, dass es allen gut geht und sie fröhlich und glücklich ins neue Jahr einsteigen. Aber mein größter Wunsch ist, dass Limburgerhof weiterhin schön bleibt!“
Das wünsche ich mir auch. Als Bürgermeister fasse meine Wünsche für uns alle noch einmal zusammen und schließe Sie dabei alle mit ein, Alt und Jung, die Ehrenamtlichen, die uns Kulinarisches Bietenden, die Kultur machen, das Agrarzentrum, die Gewerbetreibenden, die Ärzte und wer auch immer hier wohnt:
„Limburgerhof möge eine Gemeinde sein, in der Leben Zukunft hat!“
In diesem Sinne von Herzen ein gutes, gesundes und glückliches, aber auch besonnenes neues Jahr 2016! Unsere Wünsche gehen auch in das gebeutelte Berlin!