Im Aufbau der Demokratie

Erinnerungen von Gerhard Häfker an seinen Großvater, den ersten Bürgermeister Limburgerhofs Georg Schwarz

Als ich 1940 auf der „Limburg“ geboren wurde, war bereits der zweite Weltkrieg im Gange und Opa Schwarz als Bürgermeister von den damaligen Machthabern abgesetzt. Mein damaliger „Hausfotograph“ war „de Hauke Loui“ der auf der Versuchsstation beschäftigt war.
Unser Opa begann als Privatlehrer der BASF seinen Dienst auf der damaligen Kolonie der BASF im Jahre 1911.Er hatte 4 Kinder und ich wurde als der zweitgeborene Enkel im Hause Schwarz in der Brunkstraße groß. Dieses Haus wurde 1933 bezogen. Davor lebte die Familie Schwarz in einer Dienstwohnung in der Parkstraße. Dort hatten die 4 Privatlehrer der BASF ihre Dienstwohnungen.
Meine Mutter, als jüngste der 4 Kinder, war mit meinem Vater, Dr. Carl Erich Häfker, seit 1939 verheiratet .Die elterliche Zahnarztpraxis in Ludwigshafen war geschlossen, da mein Vater als Soldat eingezogen war.
Als einziger Enkel im großväterlichen Haus konnte ich mich über die Aufmerksamkeiten der Familie nicht beklagen. Nachdem im Juni 1940 meine Cousine Sigrid als nächste Enkeltochter geboren wurde, waren Tante Anne (geb. Flügel) und meine Mutter Hedwig mit uns beiden oft im Kinderwagen unterwegs, natürlich vielbeachtet als Familienmitglieder vom
„Schullehrer Schwarz“. Dreh- und fester Bezugspunkt im Hause Schwarz war meine Oma. Sie war eine exzellente Köchin und ich habe heute noch den Geschmack von einigen ihrer guten pfälzischen Gerichte auf der Zunge. Im Garten wurde noch alles Gemüse selbst erzeugt, frisch verbraucht und natürlich auch selbst eingekocht. Mir war noch gut in Erinnerung, dass Opa den gekauften Salat „vun Müllers“ nicht haben wollte, da er nicht genau wusste, woher er stamme. Beide Großeltern kamen aus großen Familien und ich freute mich immer auf die schönen Familienfeste.
Als ich älter war und auch politische Zusammenhänge mehr verstand, haben mir meine Mutter und andere Familienangehörige erzählt ,dass z.B. Oma den Opa immer aufgefordert hatte „den Radio“ leiser zu drehen, „sunscht werscht noch verhaft“. Er war vom Erfolg des dritten Reiches nie überzeugt gewesen und wollte hören, was andere Länder berichteten. Als an meinem dritten Geburtstag (1943), so erzählte mir mein Opa - es war auch Hitlers Geburtstag - die Fahnen herausgehängt wurden, hätte ich gefragt: „Opa hängen alle die Fahnen wegen mir raus?“ Er habe nur gelacht und gesagt: “Nimie lang Bu.“
Kurz nach Kriegsende wurde mein Großvater von den Franzosen wieder als Bürgermeister eingesetzt. Als Dienstwagen bekam er einen alten Adler und als Chauffeur fungierte „de Kappelschorsch“, der später auch Feuerwehrkommandant wurde. Opa hatte Reiseerlaubnis bis nach Mannheim und damals musste man manchen Briefverkehr über die amerikanische Zone abwickeln. Bei diesen Fahrten musste immer etwas versteckt werden, was auf französischer Seite zu großem Ärger geführt hätte und ich musste, wenn ich dabei war, immer ruhig sein. Trotzdem war es für mich immer eine interessante Reise.
Opa spielte auch Skat in den dreizehn Linden .Da war auch sein politischer Gegenspieler Pfarrer Finck dabei. Es soll da schon öfters fast Tag geworden sein, bis diese Runden endeten, zumal beide einem guten Tropfen nicht abgeneigt waren. Beide verstanden ihr politisches Geschäft, waren aber immer nur politische Kontrahenten, um die Arbeiterschaft hinter sich zu bringen. Politisch war diese Zeit nicht nur auf dem Limburgerhof sehr bewegt.
Die vielen Strömungen zu lenken, erforderte sehr viel Kraft und nur durch den Rückhalt innerhalb der Familie gelang es, viele Probleme zu meistern. Da war z.B. der Wintergarten im großelterlichen Haus Zielscheibe von wütenden Gegenspielern, und die Glasscheiben waren häufig, wie in den Kriegsjahren, mit Brettern ersetzt. Erinnern kann ich mich aber auch an einen netten Scherz in der „Hexennacht“, als morgens im Hof ein Schild eingebuddelt war „Schutt abladen verboten. Der Bürgermeister.“
In der Region hat Georg Schwarz aber auch vieles wieder in Gang gebracht. Er wurde Deputierter im alten Landkreis Ludwigshafen. In dieser Funktion hat er an der Wiedergründung des Bezirks Pfalz des deutschen Gemeindetages gearbeitet und wurde danach auch für einige Jahre dessen Vorsitzender. Viele Sozialdemokraten gingen damals bei uns ein und aus. Wenn er von dieser Zeit erzählte, dann merkte man sein Engagement für den Aufbau eines demokratischen Staatswesens.
Seine später wieder größer gewordene Freizeit widmete er seinen Bienenvölkern. Diese waren beheimatet an der Straße zwischen Mutterstadt und Schifferstadt. Er fuhr anfangs noch mit einem Motorroller, später mit dem Rad durch den Mutterstädter Wald dahin. Für seine Enkel war der Honig immer eine süße Erweiterung des Speiseangebotes und in den „Hamsterjahren“ auch ein beliebtes Tauschmittel.
Von seinen Kindern waren eine Tochter und ein Sohn vor den Nationalsozialisten ins Ausland geflohen. Zu den Familienfesten waren aber nach dem Krieg immer alle gekommen und ich lernte da auch meine Cousins Rolf und Jon sowie meine Cousine Kirsti kennen. Bei diesen Familienfesten habe ich auch die große Verwandtschaft von Oma und Opa kennen gelernt.
Bekannt war meine Cousine Kirsti, weil sie immer im Sommer barfuss durch Limburgerhof lief „un des als Enkelin vum Lehrer Schwarz“.
Eine schwere Krankheit hat ihn in den fünfziger Jahren schwer mitgenommen .Er war einige Zeit im Ludwigshafener Krankenhaus und Oma ist bei einem Besuch so unglücklich gestürzt, dass sie ebenfalls in die Klinik mußte .Doch beide erholten sich wieder und Opa fuhr wieder mit dem Rad und Oma arbeitete im Garten.
Ein großes Ereignis war die Feier der diamantenen Hochzeit. 55 Jahre der sechzig verlebten beide gemeinsam in Limburgerhof. Alle Familienmitglieder und auch ein Großteil der Verwandtschaft waren gekommen. Viele Gratulanten mussten bewirtet werden und viele seiner politischen Mitstreiter kamen, um zu gratulieren. Abends hatte auch noch der Gesangverein ein schönes Ständchen dargebracht.
Sein letztes Familienfest feierte unser Opa an seinem 85.Geburtstag. Auch hier gaben sich Repräsentanten und Mitbürger die Klinke in die Hand. Manchmal kam ich als Mundschenk gar nicht mehr nach mit dem Einschenken der Gläser. Als am Abend nur noch der engere Familienkreis zusammen war und wir bei einem Glas Wein den Tag ausklingen ließen, da sagte unser Opa zu seiner ältesten Tochter: “Ich wollte meinen fünfundachtzigsten Geburtstag noch erleben, habe viel erlebt und hoffe das eine oder andere auch richtig gemacht zu haben, aber jetzt will ich nicht mehr.“ Dies war am 28 Februar. Am 27. März, auf Karsamstag, hat er mit mir seine letzten Worte gewechselt .Danach ist er friedlich eingeschlafen. Meine Oma hat ihn noch um fast zehn Jahre überlebt.
Wenn sich die Enkel bei runden Geburtstagen treffen, dann reden wir über ihn. Wir alle haben ihn, jeder auf seine Weise, gemocht.